Schlußwort

Ich dachte, wenn ich über all das spreche, würde ich verletzlich werden, doch dies war ein Trugschluß. Um so mehr ich mich meiner Familie und meinen Freunden öffnete, desto mehr Rückhalt erfuhr ich. Es fühlt sich nicht gläsern an, wenn ich sage, wie ich ich mich fühle. Du wirst nicht durchsichtig und für alle ergründbar, nur weil du zugibst, dass es dir gerade schlecht geht. Ganz davon abgesehen, tut es gut, wenn, die Menschen, die mir wichtig sind, endlich Verständnis zeigen, weil sie dies nun auch können. Sie können sich besser in meine Situation hineinfühlen, wenn ich über mich und meine Probleme rede. Zuvor haben sie geschrieen, geheult, vor Wut und Verzweiflung. Ich hatte ebenfalls aggressiv oder mit noch mehr Zurückhaltung reagiert. Die Meinung „Das versteht eh niemand, behalte es lieber für dich.“ verdichtete sich, je mehr man mir ein Geständnis abverlangte und mich zum „Reden“ drängte. Ich weiß, dass es ihnen wichtig ist, zu wissen, wie es mir geht und dazu gehört eben auch manchmal etwas anderes, als immer nur das knappe „Ja, alles bestens!“. Ich habe erkannt, das es vorallem mir nicht weiterhilft, wenn ich vorgebe, es ginge mir prima. Was mir jedoch in der Zwischenzeit sowieso niemand mehr abkauft, meine Glaubwürdigkeit habe ich in diesem Punkt längst verloren und ein Blick auf mein Erscheinungsbild genügt um zu erkennen, dass es eben doch sehr viel schwerer ist, als ich es jemals vermutet hätte. Diese Krankheit ist zu stark, sie spaltet deine Seele in zwei Teile und versucht dich innerlich aufzufressen, bis nichts mehr bleibt, außer eine Schwäche, die alles zu nichte macht. Es gibt Momente, da denkst du nicht nur, du schaffst es nicht, sondern du bist davon überzeugt. Aufgeben, davonlaufen und von allem nichts mehr mitbekommen wollen, den Wunsch verspührte ich oft. Ich kann nicht leugnen, dass ich oft weder essen und noch leben wollte… Ich hatte es satt mich nicht bewegen zu dürfen, mich krank und elend zu fühlen. Das Verlangen nach Gesundheit, nach Wohlbefinden und einem unbeschwerten Tag wurde größer, doch mein Scheitern drückte mich nieder. Um aus diesen Tiefphasen Motivation zu schöpfen, bedarf es viel Einfühlsamkeit. Mit gutem Zureden kam man nicht besonders weit. „Das wird schon wieder…“, half mir nicht, denn ich sah nicht die Zukunft, nur das jetzt und hier. Ging es mir schlecht, projezierte ich es auf alle folgenden Tage und die Angst wuchs, dass ein „normales“ Leben vielleicht nie mehr möglich sein würde. Nun habe ich die Gewissheit, das ich dies in absehbarer Zeit wirklich nicht zurückbekomme, falls man die letzten Jahren überhaupt als normales Leben bezeichnen kann. Ich werde auf meine Mitmenschen angewiesen sein, in einem Maß, das andere schlicht als freiheitsberaubend empfinden würden, doch für mich ist es kein Verlust von Eigenständigkeit, sondern Voraussetzung um diese überhaupt wieder aufbauen zu können. Es ist ungeheuer wichtig, keine Angst zu haben, Rückschläge zu erleiden, denn die lassen sich nicht vermeiden. Dies wird nicht das Ende der Welt bedeuten, sondern ein neuer Versuch mein Leben in den Griff zu bekommen.

Die Herzlichkeit mit der ich umsorgt werde, wenn es mir schlecht geht, brauche ich, denn sonst… ich weiß es nicht, aber ich denke, ich hätte es bis jetzt nicht so weit geschafft. Ohne all die lieben Leute an meiner Seite, die immer wieder für mich da sind, nicht aufgeben und auch noch an mich glauben, wenn ich es selbst nicht kann. Sie haben nie die Hoffnung aufgeben und mir gezeigt, was es heißt, für etwas zu kämpfen. Ich dachte eigentlich, dass sei meine bisherige Stärke, doch hier ging es nicht um einen Pokal, sondern den Sieg über mich selbst.

„Es muß Herzen geben, welche die Tiefe unseres Wesens kennen und auf uns schwören, selbst wenn die ganze Welt uns verläßt.“ Karl Ferdinand Gutzkow

Ich wusste zwar, dass ich sowas wie sehr gute Freunde und eine tolle Familie habe, doch das was ihr seid und die Art und Weise wie sehr ihr mich geholfen habt, ist etwas, für das ich keine Worte finde. Ich weinte oft, einfach, weil ich so froh darüber war, das alles nicht alleine durchstehen zu müssen.

Danke an alle. Für eure Besuche, die zahlreichen Anrufe, Briefe und Postkarten.

In tiefer Verbundheit und Liebe zu euch, herzlichstes Dankeschön. Jannis.


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