In die falsche Richtung

In dem Moment, in dem mein älterer Bruder sein Knie an meine Halsschlagader drückte und mir den linken Arm soweit auf dem Rücken nach oben zerrte, dass es krachte und die Schulter sich ausgekugelte, wurde mir klar, dass etwas in die falsche Richtung lief.

Ich konnte mich nicht beruhigen, die Schmerzen waren zwar kaum zu ertragen, doch noch unerträglicher war diese Situation für mich. Ich hatte eine halbe Ewigkeit mehr als gestört auf meinen Boxsack eingeschlagen und als meine Eltern meinten ich soll es nun gut sein lassen, war ich völlig ausgerastet und schlug wild um mich. Erst mit Hilfe meines Bruders konnten sie mich zu Boden drücken und festhalten, damit ich nicht alles um mich herum kurz und klein schlug. Meine Aggressivität erschreckte mich im Gegensatz zu meinen Eltern in keinster Weise. Ich fühlte nur noch Wut und Hass in mir. Auf mich, auf meine Welt und alles was sich darin abspielte. Später – mal wieder im Krankenhaus – es war inzwischen spät abends, wenn nicht sogar schon Nacht, lag ich mit Medikamenten ruhig gestellt auf der Liege eines Behandlungszimmers und fing zum ersten Mal an zu weinen, ehe ich kurz darauf einschlief und an diesem Tag keine Gelegenheit mehr hatte, mich zu fragen, wieso alles so scheiße war. Ich wog noch 54 kg.

Sorry an meinen Bruder, der sich heute noch Vorwürfe macht – die Schulter ist wieder heile ;)

Auf Grund meines Ausrastens, dem Rat der Ärzte und der dringlichen Tatsache, die sich alle fragen ließ, ob ich nicht doch ernsthafte Probleme hatte, schickte man mich zu einem Psychotherapeuten. Wie nicht anders zu erwarten, verweigerte ich die Behandlung. Ich schwor alles zu tun, was man von mir verlangte, gelobte Besserung und begab mich auf einen noch härtern Weg als zuvor. Ich trainierte länger, intensiver und mit mehr Verbissenheit ohne das es jemand mitbekam und legte deutlich an Muskelmasse und somit auch an Gewicht zu. Wichtiger war allerdings mein äußeres Erscheinungsbild: Breitere Schultern, mehr Oberarme, Schenkel und Brust. Dies täuschte auf den ersten Blick über die Tatsache hinweg, dass ich trotzdem kaum an Körperfettgehalt gewonnen hatte. Meine dunkler werdenden Augenringe und das eingefallene Gesicht ließen sich bald nicht mehr verstecken und der Stress begann von vorn. Alle lagen mir mit etwas in den Ohren, während ich ausschließlich damit beschäftigt war mein neues Kraft-Leistungsverhältnis zu optimieren. Mein Trainer gab schließlich fürs Trainingslager grünes Licht, meine Eltern gaben seufzend auf, da sich auch meine Schulnoten wieder deutlich verbessert hatten und ich erzielte in der kommende Saison meine bisherigen besten Ergebnisse. Meine schlechte Stimmung war verflogen, ich war in mein Element zurückgekehrt, genoss die Bewegung in der rauen Kälte des Winters und wurde weniger lautstark kritisiert. Ich fühlte mich wieder lebendig.


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