Der schlimmste Tag meines Lebens?

Ich habe lange darüber nachgedacht, welcher der schlimmste Tag meines Lebens gewesen ist. Ich denke, es wird mit Sicherheit noch schlimmere Tage geben, doch dies war ein Erlebnis, wovon ich wünschte, es hätte mich mehr verändert.

Es war ein Trainingspunkt, der erledigt werden musste um unsere Vorgaben in der Vorbereitungszeit zu erfüllen. Wir waren zu fünft und trafen uns jeden Dienstagabend um 18.30 Uhr am Wanderparkplatz um eine Strecke von ca. 40 km mit dem Rennrad zurückzulegen. Wir begrüßten uns kurz und fuhren los. Alles war wie immer, doch so sollte es nicht bleiben. Als wir das letzte Stück der Tour zurücklegten und uns eine steilere Strecke bevorlag, äußerte sich Tom, er hätte ein leichtes Stechen in der Brust. Wir fragten nach, ob wir anhalten und Pause machen sollten, doch er wehrte ab. Also strampelten wir weiter, bissen alle die Zähne zusammen und schafften die Etappe in der geschlossenen Gruppe. Auf erneute Rückfrage, ob wirklich alles okay sei, nickte er und wir ließen es abwärts laufen. Alle genossen die Abfahrt nach der Anstrengung. Plötzlich kippte Tom seitlich weg und stürzte mit seinem Rad. Es schleuderte ihn ein Stück über die Fahrbahn und er blieb regungslos am Straßenrand liegen. Alex war gerade noch ausgewichen. Helle Aufregung, wir bremsten, schmissen die Räder ins Gras und rannten zu Tom. Er jappste und keuchte, sein Kopf war hochrot. Er reagierte kaum. Wenige Minuten später war er tot. Die eintreffenden Rettungskräfte und der Notarzt konnten nichts mehr für ihn tun.

Ich bebte innerlich, als ich mit der Polizei vor seiner Wohnungstüre stand und seine Verlobte uns öffnete. Sie war bereits im vierten Monat schwanger.

Tom war 27. Er war „gesund“, er war Sportler, hatte studiert und nun einen guten Job, er hatte eine Frau fürs Leben gefunden und war kurz davor Vater zu werden. – Er war „gesund“ und trotzdem riss ihn ein Herzinfarkt aus diesem Leben. Wir hatten nicht viel gesprochen, jeder war darauf bedacht über seinen Zustand zu schweigen und die anderen respektierten es. Doch ich wusste von ihm, dass er sich manchmal müde, abgeschlagen und schwindlig fühlte. Er war einige Male umgekippt, die üblichen Schwächeanfälle nach einem zu langen und intensivem Training an einem heißen Tag. Da gab es noch die Kopfschmerzen, das Stechen in der Brust, die Anfälle von Atemnot, Zittern und Krämpfen.

Alle Anzeichen hatte ich auch an mir bemerkt. Verdammt, ich wollte nicht sterben.

Wann auch immer ich versuchte meine Augen zu schließen, die Bilder kehrten zurück und ich konnte unmöglich einschlafen, war ich auch noch so müde. Sein starrer Blick, wie er langsam blau anlief, wie er aufhörte zu atmen und schlaff in meinen Armen lag. Mir war ständig übel, ich musste mich oft übergeben, konnte nichts essen und schon gar nicht klar denken. Mein Puls raste, wenn ich daran dachte und die Angst zuließ, die in mir hochkam.


Eine Antwort to “Der schlimmste Tag meines Lebens?”

  1. Oh man,Jannis,das ist echt hart =*(
    Ich hoffe,das es dir bei der Verarbeitung der ganzen Geschehnisse hilft,wenn du sie aufschreibst

    Liebe Grüße,Steffi

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