Diagnose Magersucht

Anorexia Nervosa

Nach meinem Zusammenbruch schwebte ich in Lebensgefahr, denn mein Zustand hatte sich innerhalb weniger Monate trastisch verschlimmert. Es gab keine Zweifel mehr, dass ich an Magersucht litt und meine Gesundheit zwang zum Handeln. Ich kam nicht drumherum, denn es gab nur zwei Optionen: leben oder sterben.

Symptome

Ÿ Gewicht / körperliche Merkmale

Mit einem Gewicht von 42,4 kg und einem kaum fühlbaren Puls war ich so gut wie tot. Der vorangegangene Krampfanfall auf Grund von Dehydration und völliger körperlicher Erschöpfung hatte mich zusätzlich geschwächt. Schlechte Blutwerte und einsetzende Herzrhythmusstörungen führten schließlich zu einem Nieren- und Herzversagen.

Ÿ Essverhalten

Seit Tagen kaum gegessen, Wochenlang gehungert, Jahrelang zu viel trainiert und schlecht ernährt. – Die rasante Gewichtsabnahme durch den so gut wie kompletten Nahrungsentzug innerhalb weniger Wochen waren schließlich der Grund für den Zusammenbruch.

Ÿ Sportverhalten

Es ist kaum zu glauben, was ich in meinem Zustand während des Snowboardlehrgangs noch zu leisten im Stande war. Zuvor hatte ich das Sportpensum zwar nach massivem Training zurückgefahren, da ich mich zunehmend ausgelaugt und antriebslos fühlte, doch die vier Tage in Österreich haben mir schließlich den Rest gegeben.

Ÿ psych. Empfindungen und Wahrnehmungen

Waren nicht mehr vorhanden. Ich fühlte mich weder dick noch dünn, sondern einfach nur misserabel. Es war mir egal, wie ich aussah, was andere dachten – ich wollte einfach nur, dass es vorbei war. Nicht im Sinne von „sterben wollen“, sondern dieser Zustand der Leere, Verwirrtheit und Unbedeutsamkeit, der alles in meinem Leben eingenommen hatte. Als ich im Krankenhaus das erste mal kurz zu mir kam, machte sich Erleichterung in mir breit. Das Verstecken und Leugnen hatte ein Ende und ich konnte mir endlich selbst eingestehen, dass es mir wirklich beschissen ging.

Behandlung

Als ich wieder zu mir kam, erfuhr ich vom Chefarzt persönlich, dass bereits eine Woche vergangen war, seit jener Nacht in der mein Herz versagte und nicht mehr schlagen wollte. Da ich ihn dies jetzt und hier sagen hörte, hieß es wohl, dass sie mich erfolgreich „reanimiert“ hatten. Wie oft hatte ich dieses Wort schon irgendwo aufgeschnappt, doch noch nie hatte es ein solches Ausmaß an Bedeutung erlangt.

Außerdem hatte ich eine Magensonde bekommen, wurde noch immer zwangsernährt und war eine Woche mit starken Medikamenten sediert gewesen. Ich hatte in eine Art künstlichem Koma gelegen um zu überleben, indem man mir Fett- und Kalorienlösungen über einen ZVK eingeflöst hatte, erlangte ich langsam meine geistigen Fähigkeiten zurück.

Ich konnte nicht reden, nichts sagen, in mir war nichts als Leere. Ich fühlte weder Angst noch Erleichterung. Schockähnlich verschlug es mir die Sprache und ich schloss erneut die Augen. Ich schlief um allem um mich herum zu entkommen.

Ich blieb vorerst auf der Intensivstation und wehrte mich nicht gegen die Behandlung. Das ein für mich lebensgefährliches Untergewicht eingetreten war, machte man mir sogleich schonungslos deutlich.

Nach insgesamt zehn Tagen Intensivstation und einer weiteren Woche mit absolutem Bewegungsverbot, durfte ich endlich wieder aufstehen. Im Bad streifte mein Blick im Vorübergehen mein Spiegelbild. Ich hielt inne, tat noch mal einen Schritt zurück und traute mich kaum den Blick zu heben um in den Spiegel zu sehen. Ich zuckte vor Erschrecken zusammen, konnte kaum fassen, dass ich es war, der mir da gegenüber stand. Es war das erste mal seit Wochen, dass ich mich so bewusst wahrnahm. Meine Haut war aschfahl und ausgetrocknet, dunkle Augenränder zeichneten mein eingefallenes und müdes Gesicht. Ich wandte mich ab, so gefiel ich mir selbst nicht. Ich konnte endlich die fast vorwurfsvollen und zu tiefst besorgten Blicke meiner Mutter verstehen. Ganz zu schweigen von all den Tränen die Stella über die Wange gelaufen waren. In den Stunden, in denen sie neben mir am Bett gesessen hatte und nur ihre Berührungen und ihr leises Schluchtzen zu mir durchgedrungen waren.

Ich hatte zwar noch immer keinen Appettit, die Magensonde wurde allerdings entfernt und ich war froh über die Aufbaunahrung. Sie war flüssig und es viel mir leichter einzusehen sie zu mir zu nehmen, denn das ich das musste, wusste ich ja. Es war nur so verdammt schwer. Dank strenger Bettruhe, ich durfte ausschließlich liegen, aufrecht sitzen nur zu den fünf kleinen Mahlzeiten und den ergänzenden Präperaten, schaffte ich es wieder zuzunehmen. Es waren lebensnotwendige Grammangaben, die jeden Tag in meine Krankenakte notiert wurden.

Bei typischen Magersüchtigen stellt sich jedoch keine Einsicht ein und die hauptsächliche Barrikade, die eine Gewichtszunahme verhindert, ist ihr Wille dünn sein zu wollen. Wie dünn ich wirklich war, nahm ich sicherlich auch nicht wahr. Nicht in dieser Zeit. Doch ich war mir dessen bewusst, dass sich schnellstens etwas ändern musste, um eine möglichst günstige Prognose zu erhalten. Die Nieren erholten sich wieder, das Herz beruhigte sich und ich schien das Schlimmste überstanden zu haben.

Trotzdem ging es mir immer noch schlecht. Ich wagte es kaum mir selbst einzugestehen. Psychisch gesehen ging es mir sogar noch schlechter als je zuvor.


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