Diagnose Depression
Erst nach einiger Zeit stellten die Ärzte fest, dass ich neben der Magersucht zusätzlich unter schweren Depressionen litt, was man zuerst als Begleiterscheinung der Mangelernährung und gestörten Psyche betrachtete. Allerdings stellte sich zwei Wochen nach meiner Einlieferung ein Verhalten ein, dass mit der Magersucht alleine nicht zu erklären gewesen wäre. Eine Kommunikation mit und zu mir war inzwischen ausgeschloßen. In völlige Abwesenheit gehüllt, war das einzige was ich von mir geben konnte, der Wunsch zu sterben. Besorgniserregend war nicht der Zeitpunkte, zu dem ich mich äußerte, sondern die Bestimmtheit, die in mir sprach. Es war nicht das trotzige Verhalten der Magersucht, die eine Behandlung zu verhindern versuchte, indem ich trickste, Kontrollen umging oder mich gegen Maßnahmen verweigerte. In den wenigen Augenblicken, in denen ich zuvor während der starken Sedierung zur Besinnung kam, zeigte ich mich sogar ausgesprochen dankbar über die medizinische Hilfe. Ich gab meine Erleichterung zu verstehen und niemand ahnte, dass wenig später ein stetiges Wimmern und die dringliche Bitte mich sterben und in ein anderes Leben gehen zu lassen, im Mittelpunkt meines Befindens stehen würde.
Der Tod stellte plötzlich keine Bedrohnung mehr da. Die Vorstellung schien mir der Erlösung gleich. Sie hatte für mich nichts furchterregendes, im Gegenteil, ich empfand sie als wohltuend. Ich litt unsäglich. Unter der Last der Krankheit, den fortweg anhaltenden Suizidgedanken und dem Verlust meiner eigenen Identität zerbrach ich innerlich. In diesem Moment hatte ich alles verloren. Vor allem mich selbst. Ich wusste nicht wer ich war, was der Sinn meiner Beständigkeit und ins Besondere meines Fortbestandes war. Die Erinnerungen waren stark eingeschränkt und getrübt. Familienangehörige und Freunde erschienen mir wie Fremde. Ein Kontakt, ein Durchdringen zu mir, in meine Welt, schien unmöglich. Ich kann nur schwer beschreiben, was wirklich in mir vor sich ging. Es war das mit Abstand Schlimmste, was ich je erlebt habe.
Derart depressiv und mit täglich sich verschlechterndem Gesundheitszustand, verabreichte man mir hoch potente trizyklische Antidepressiva direkt über Infusion. Langsam fühlte ich mich besser, mein Wunsch zu sterben schwand und ich war wieder fähig mich zu artikulieren. Die Kraft und der ungeheuer wichtige Wille zu leben, dieses Leben zu wollen, fand wieder seinen Platz in meiner Seele. Ohne mein eigenes Zutun und der Selbstheilungskraft hätte ich mich von diesem gravierend schlechten Befinden wahrscheinlich nicht erholt. Gibt der Geist auf, zieht der Körper nach. Meine physische Angeschlagenheit hätte dem Druck nicht standhalten können, ich wäre mit ziemlicher Sicherheit innerhalb kürzester Zeit verstorben.
Symptome
In den Monaten zuvor hatten mich bereits folgende Symptome immer wieder gequält. Sie traten Schubweise auf, vorallem Abends, Nachts und am Wochenede. Manchmal stundenweise, oft auch über mehrer Tage hinweg unverändert.
Denken: Pessimistisches Denken, negative Auffassung der Zukunft, von mir selbst und der Welt. Für Misserfolge machte ich mich ausschließlich selbst verantwortlich, während ich Erfolge gar nicht mehr wahrnahm. Sie waren in meinem Denkmuster ausgeblendet.
Stimmung: negative Stimmung. Ich fühlte mich elend und verzweifelt. Alles was früher Freude bereitet hatte, erschien plötzlich sinnlos und leer. Ich konnte mich über nichts mehr freuen, fühlte mich hoffnungslos und verlor den Gauben an mich und meine Mitmenschen. Ich war unfähig Entschlüsse zu fassen. Es war ein stumme Gefühlslosigkeit.
Verhalten: Passivität, Unentschlossenheit und selbstmörderische Tendenzen (hier in Form von Nahrungsverweigerung) gelten als typisch. Auch bei mir. Ich wollte etwas tun, mich bewegen, doch ich sah mich dazu nicht in der Lage. Ich fühlte mich wie versteinert, innerlich quälte mich jedoch Ratlosigkeit und Unruhe. Alles wird als Anstrengung empfunden, das Reden, gehen und erst recht das essen, sodass es zur Verlangsamung, bzw. zum Ausfall von Aktivitäten kam.
Körperliche Kennzeichen: Sexuelle Lustlosigkeit, Appetitmangel, Schlafstörungen oder starker Schlafdrang, Schmerzen in der Brust, Atembeschwerden
Es folgte der soziale Rückzug und die Isolation. Die Niedergeschlagenheit versuchte ich vor dem Umfeld und den Mitmenschen bestmöglichst zu verstecken. Schuld- und Schamgefühle machten sich breit.
Behandlung
Die Neurologen und Psychiater arbeiteten einen weiteren Behandlungsplan mit Psychopharmaka aus, eine begleitende Psychotherapie war unumgänglich. Meine speziellen Bedürfnisse erforderte das Wissen der Medizinier. Die Medikamente sollten in depressiven Phasen antriebsfördernd und stimmungsaufhellend wirken, allerdings war zu erwarten, dass ich nach einer gewissen Erholungsphase und Gewichtszunahme in alte Verhaltensmuster verfiel. Dem Bewegungsdrang, der inzwischen zur schweren Zwangserscheinung geworden war, galt entgegenzuwirken. Das Präperat musste eine stark beruhigende Eigenschaften aufweisen und möglichst arm an Nebenwirkungen sein. Appetitverlust, Schlaf- und Herzrythmusstörungen mussten weitgehend auszuschließen sein.
Erst mit der Gabe von medikamentösen Zusätzen war es mir überhaupt möglich wieder am Leben teilzunehmen. Eine Kombination von Antidepressiva und eine psychotherapeutische Behandlung waren das einzig hilfreiche. Die stationäre Aufnahme in einer Fachklinik, zu deren Leistungsspektrum sowohl Depression als auch die Essstörung gehört, erforderte einen Aufenthalt von mindestens sechs Monaten. Ich fügte mich, denn die Angst war zurückgekehrt, die Angst es ohne professionelle Hilfe nicht zu schaffen.

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