Noch keine Erkenntnis
Winter 2007 – Dezember
Im Dezember brach ganz plötzlich der Winter ein, doch das hinderte mich nicht, im Gegenteil. Die Kälte trieb mich an und ich steigerte mein tägliches Trainingspensum trotz Gelenkschiene auf ein Maximum an Zeit, die mir neben den laufenden Klausuren in der Uni zur Verfügung stand. Der Gedanke von den übrigen Vorlesungen und Seminaren fern zu bleiben kam mir immer öfter, doch Schwänzen kam nicht in Frage. Also wurden die Trainingseinheiten entweder in die frühe Morgenstunde oder in den späten Abend gelegt. Sprich es waren jene Zeiten, in denen es vermutlich am eisigsten war. Ich spürte allerdings weder Kälte noch Erschöpfung. Zum einen war ich es gewohnt und zum anderen war ich unempfindsam gegenüber allem was mit einem gesunden Maß in Sachen Bewegung zu tun hatte.
Vor meinem letzten Termin beim Unfallchirurg futterte ich die Tage davor ununterbrochen. Ich stopfe alles in mich hinein, was ich nur in die Finger bekam. Es funktionierte offenbar. Er sprach mich nicht noch ein Mal darauf an. Die Schiene wurde entfernt und ich war wieder voll hergestellt. Endlich uneingeschränkt bewegungsfähig.
Am Freitag nachmittag vor Weihnachten wollte ich nach Hause fahren um mit meiner Familie die nächsten Tage zu verbringen. Mein Zimmer war aufgeräumt, alle Geschenke eingepackt und das Nötige an Kleidern gerichtet. Auf dem Weg in die Küche fing mich Mark ab, bugsierte mich ins Bad und zwang mich kommentarlos auf die Waage zu stellen.
„Jannis…“, er begutachtete mich von Kopf bis Fuß und endete seinen begonnen Satz mit, „…du weißt schon, dass auch Männer an Magersucht leiden?“
Er sah mich verzweifelt an. „Ich weiß nicht, was soll ich tun?“, fragte er in die Stille hinein. Draußen schneite es.
Ich ließ ihn im Bad stehen, schulterte meine Taschen und verpisste mich. Ich wollte meine Mutter mit dem Abendessen nicht warten lassen. 51,3 kg.
Mark schlurfte in die Küche zurück, öffnete eine Flasche Rotwein und hatte schon den Telefonhörer in der Hand, doch er ließ ihn sinken. Er wollte meiner Familie die Feiertage nicht verderben.

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