Neuer Anfang?
Herbst 2007 – Oktober
Im Oktober die Trennung von Stella. Es war der Schmerz der mich plagte und das ich nicht wusste, wie ich mit ihm umgehen sollte. Also tat ich das, was ich immer machte, wenn ich nicht weiter wusste. Ich machte Sport. 66,2 kg.
Kurz darauf feierte meine Mutter ihren 50. Geburtstag. Ich hatte mich auf dieses Familienfest sehr gefreut, doch leider blieb nun die Freude aus, denn meine Begleiterin würde nicht Stella sein. Als ich am Mittag zum Kaffee und Kuchen eintraf, fand ich in der Küche Stellas selbst gebackenen und liebevoll verpackten Pralinen. Ich las gerade ihre Glückwunschkarte, als meine Mutter hinter mich trat und mich aus meiner Gedankenwelt zurückholte. „Du hast sie gerade verpasst.“
Die ersten Unitage zogen ins Land und ich wurde zum Studenten erkoren. Wow, es fühlte sich toll an. Das erste Semester zog schonungslos an und es wurde gleich recht stressig, wobei ich froh war um jede Art von Ablenkung. Ich war hochmotiviert und nahm die Sache sehr ernst. Die Lernerei setzte mir jedoch gleich zu und über das ganze Gebüffel vergas ich immer häufiger das Essen. 62,3 kg.
Der letzte Besuch bei meinen Eltern war eine halbe Ewigkeit her und gemeldet hatte ich mich so gut wie gar nicht. Wenn dann nur ein kurzes Telefonat, wobei mich dann meist meine Mutter angerufen hatte. Ihre mehrmaligen Einladungen und Bitten musste ich ausschlagen, ich hatte einfach zu viel zu tun.
Ich hatte mich in einem heruntergekommenen Fitnessstudio eines anderen Stadtviertels angemeldet. Ohne genauer darüber nachzudenken, was das wohl für Gestalten waren, die sich dort herumtrieben, trainierte ich und niemand schenkte mir Beachtung. Meine Mutter stand mir nach all den Jahren nun nicht mehr im Weg, denn sie konnte nur schlecht überwachen, wie ich meinen Tagesablauf gestaltete. Doch Ruhe fand ich keine. Mark entpuppte sich als Tyrann und ging mir gehörig auf die Nerven. Ich konnte seine ewigen Vorträge über gesundheitliche Risiken bei übermäßigem Sport und einer Mangelernährung nicht mehr ertragen. Den Worten eines Medizinstudenten schenkte ich keinen Glauben, obwohl ich wusste, dass er Recht hatte. Eines Abends kam er in mein Zimmer, ich schaltete schon automatisch auf stumm, doch er fing gar nicht an zu reden. Er stand schweigend in meinem Türrahmen und starrte in die Dunkelheit des gegenüberliegenden Fensters. Die Minuten verstrichen, ehe er sich räusperte. „Morgen kommst du mit in die Uniklinik, ich habe Dienst und stelle dich einem wirklich guten Professor vor.“ Meine Güte, ich war schockiert und reagierte verärgert. Statt zu schimpfen, hüllte ich mich in Schweigen und wartete, bis er sich seufzend abwandte. Früh am nächsten Morgen packte ich meine Tasche und verschwand tonlos aus der Wohnung. 60,7 kg.

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