Erster Ärger

Herbst 2007 – November Teil 1

Meine Eltern gönnten sich eine Auszeit und ich war ab Freitag, den 2. November für eine Woche für das von ihnen überlassene Haus und die Tiere verantwortlich. Dies kam mir mehr als nur gelegen. Gerade als ich die Haustüre aufsperrte und mein Gepäck im Flur abstellte, klingelte mein Handy. Mark. „Alter, wo steckst du? Es ist noch nicht mal halb sieben…!“ Ich legte auf. Die nächsten drei Anrufe überhörte ich, bis ich das Handy ganz ausschaltete. Ich schnappte mir eine Cola Light aus dem Kühlschrank und drehte eine Runde durch das verlassene Wohnzimmer, trat hinaus auf die Terrasse und atmete die Kälte an diesem noch dunklen Morgen ein.

Ich nutzte die 16 Kilometer von Oberhaching zur Uni als tägliche Trainingsstrecke mit dem Rad, wie praktisch. Auf der Rückfahrt am Dienstag Nachmittag, ich war schon so gut wie zu Hause und ließ es bergab laufen, platzte der vordere Reifen. Innerhalb von Sekunden hatte er sich in die Speichen verwickelt und mich schlug es über den Lenker. Mein Versuch den Sturz mit der linken Hand abzufangen, missglückte und ich prallte unsanft auf den Asphalt. Verdammte Kacke, Scheiße echt. Ich fluchte bösartig.

Mit dem Bike huckepack ging’s heimwärts. Das Handgelenk schmerzte. Ich legte mich nach einer ersten Inspektion mit kühlenden Kompressen auf die Couch. Mit dem Gedanken, dass es wohl nur eine Verstauchung war, schlief ich an diesem Tag ein. Aufgewacht war ich hingegen mit der Gewissheit, dass es wohl doch etwas schlimmeres sein musste als angenommen. Der Arm war dick angeschwollen und bläulich verfärbt. Mein Rad konnte ich auch buchstäblich in die Tonne treten. Ich wartete die nächsten Tage ab und versuchte die Hand ruhig zu halten.

Mein älterer Bruder Sander stand Samstags unangekündigt im Haus und setzte somit meinem Frühstück, das aus einer Tasse Kaffee bestand, ein abruptes Ende. Er zeigte auf meinen Arm und ich bat ihn mich zum Arzt zu fahren. Er hätte ohnehin darauf bestanden, also zeigte ich guten Willen, indem ich ihm zuvorkam. Es war Wochenende und wir fanden erst nach langem Suchen eine unfallchirurgische Praxis in der Nähe. Glücklicherweise wusste dieser Arzt nicht, dass ich eigentlich überhaupt keinen Sport mehr machen durfte. Er sah zwar sofort, dass die Verletzung schon eine Weile zurücklag, doch er verzichtete auf Vorwürfe. Ich wurde geröntgt, mit dem Ergebnis, dass ich mir eine Radiusfraktur nahe dem Handgelenk zugezogen hatte. Ein unkomplizierter Bruch, ich bekam einen Gips und eine relativ große Menge an Schmerzmitteln, immerhin, und konnte wieder gehen. 57,0 kg.

Umgehend nach ihrer Rückkehr aus dem Urlaub tauchte meine Mutter auf und machte mächtig Arger. Sie saß in der WG Küche lange, bevor ich die Wohnung betrat. Ich hatte einen langen Tag an der Uni hinter mir und wollte mich eigentlich nur ins Bett werfen. Stattdessen musste ich mich für eine Menge rechtfertigen, dass mir vorgeworfen wurde. Ich kam nicht mal dazu, mich nach ihrer Reise zu erkundigen. Sie erzählt mir, dass sie, bevor ich hierher gezogen war, lange mit Mark gesprochen hatte. Über mich, meine Affinität zu Sport und Ernährung und das sie Angst hatte, dass beides außer Kontrolle geraten könnte.

„Ich fühle mich eben besser, wenn ich Sport mache.“, brachte ich zu meiner Verteidigung vor.

„Du weißt doch, das du kein Sport machen sollst. Jedenfalls nicht so viel!“

„Ist doch jetzt auch egal. In nächster Zeit werde ich kaum dazu kommen!“, gab ich entnervt zurück und verwies auf meinen Gipsarm.

„Kann ich dir noch beide Beine eingipsen? Nur so… falls es was nützt.“

Ich zog die Augenbraue nach oben, Marks Zynismus wollte ich nichts entgegensetzen.

Aufgrund der Hölle, die mir Mama heiß gemacht hatte und Marks Entschluss mir Blut abzunehmen, ließ ich mich breit schlagen und wir vereinbarten einen Termin für Dienstag. Ich hoffte instinktiv, dass sie sich danach alle beruhigten. Das war mir eindeutig zu viel Trubel um meine Person. 55,3 kg


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