Emotionen
Winter 2007 / 2008 – Silvester
Am Morgen des 31. Dezembers pennte ich erst einmal aus, ich war noch völlig k.o. vom Lehrgang. Erst gegen Nachmittag raffte ich mich zum Aufstehen auf, verschwand in der Dusche und stieß im Flur mit Mark zusammen.
„Aha, wieder da.“, stellte er kühl fest.
„Ja.“, ich wollte mich an ihm vorbeidrücken, doch er hielt mich am Oberarm fest.
„Was wiegst du?“
„Das hat dich nicht zu interessieren. Ich lasse mir von dir nichts andichten.“ Punkt.
Er war erbost. Ich war es auch.
„Hast du schon mal was von Zwangseinweisung gehört?“
„Sicher, und seit wann kennst du dich damit aus?“
„Ben hat die Unterlagen zusammengesucht. Er klärt die letzten Schritte in der Kanzlei ab.“ Ich musste lachen.
„Sein Vater macht Steuerrecht. Ihr wollt mich doch verarschen!“
„Mark hat recht.“, meldete sich nun auch noch Ben zu Wort. Er war aus der Küche herausgetreten und warf sich ein Geschirrtuch über den Rücken. „Wir machen uns Sorgen um dich, Jannis.“
„Du bist fuckin Jurist, also halte dich gefälligst da raus!“
„Na was macht das für einen Unterschied?! Auf mich hörst du doch auch nicht! Dir ist doch eh alles scheißegal !“, schrie Mark mich an und knallte hinter sich die Wohnungstüre zu. Er hatte heute Nachtschicht.
Ich war aufgebracht. Was dachten die sich denn? Geht’s noch? Vorsichtshalber schloss ich mich in meinem Zimmer ein und zugegeben ich hatte Angst, dass eine Meute aus der Irrenanstalt hier auftauchen und mich auf der Stelle einbuchten würde. So ganz traute ich der Sache nicht. Ich googelte und fand bei Wikipedia, die Information, nach der ich suchte. Zufrieden lehnte ich mich zurück. Die können mir gar nichts. Was für ein Schwachsinn das überhaupt alles war, ich konnte es nicht fassen. Die spinnen doch total.
Ich schaute eine Weile fern um mich abzulenken. Meine Mum rief an, erkundigte sich nach meinem Befinden und bald darauf kamen auch schon Anni, Louisa und David mit Addison.
Ben hatte ein herrliches 5-Gänge Menü gezaubert und wir hatten es uns mit viel Champagner in der großen WG-Küche gemütlich gemacht. Es war schön mit Freunden zu feiern. Vor Mitternacht zogen wir los zum Marienplatz um dort etwas vom Feuerwerk zu sehen. Der Wind war unbeschreiblich und die Temperaturen bitter kalt. Später landeten wir dann in unserem Lieblingsclub und da war sie. Stella. Ich hatte keine Ahnung, dass sie heute hier war. Noch hatte sie mich nicht gesehen, ich konnte sie noch einen Moment unbemerkt beobachten. Sie trug ein rotes Kleid und sah einfach umwerfend aus. So lange bis sie in meine Richtung sah und mich von oben bis unten beäugte.
Sie beendete ihre Unterhaltung und kam direkt auf mich zu. An ihrer Hand führte sie mich in ein ruhigeres Eck des Clubs. Sie schaute mich nur an und ihre großen grauen Augen jagten mir einen Schauer über den Rücken.
„Was ist??!“, fragte sie mich ohne mich zu begrüßen. Ich war leicht verwirrt.
„Was ist?“
„Ja…?“
Ich kam nicht drauf. Was meinte sie? Hatte sie etwa an Weihnachten mitbekommen, dass ich da war? Verdammt, sie hatte bestimmt mein Auto gesehen.
„Jannis, sag mir was da falsch läuft bei dir?“
Ich schwieg und konnte meinen Blick nicht abwenden, auch wenn ich es gern getan hätte, sie nagelte mich fest. Es war mir unmöglich zu entkommen, doch ich musste. Obwohl ich mir nichts lieber gewünscht hätte, als jetzt bei ihr bleiben zu können. Ich versuchte ihren Klammergriff um meinen Unterarm zu lösen, doch sie wurde sogleich hysterisch.
„Nein ! Nein, du bleibst gefälligst hier !“, ihre Stimmlage wurde zunehmend lauter und ihre Gesichtsfarbe hingegen ziemlich blass. „Du hörst mir jetzt zu und sagst mir endlich, was das Problem ist. – Jannis, was ist dein Problem??! Ich kann es einfach nicht verstehen, obwohl ich das so gern würde.“
„Du wirst es nie verstehen.“
„Aber ich möchte es verstehen. Und ich möchte dir helfen. Rede mit mir… Bitte.“
„Stella…“
„Sag jetzt nicht, dass es eh keinen Sinn hat ! Das zieht bei mir grad gar nicht. Verdammt noch mal, es ist Silvester ! Scheiße Jannis, wäre es nicht endlich an der Zeit, dass etwas neues anfängt?! Das DU neu anfängst?!“
Und wieder ein Mal weinte sie, obwohl ich es doch hätte sein müssen, der weinend zusammenbricht und endlich schreit oder wenigstens leise flüstert, dass ich nicht mehr kann. Das ich am Ende meiner Kräfte angelangt war, physisch wie mental…
Leise wimmernd fragte sie mich, warum ich nur immer so kalt wäre. Ich konnte es ihr nicht sagen, strich unentwegt über ihren Rücken, hielt sie fest und schmiegte meine Wange an ihr Haar. Um so mehr Emotionen sie zeigte, um so mehr versiegten sie in mir. Ich fühlte mich schlecht, wenn ich sah, wie sehr sie litt. Wegen mir, wegen allem was ich nervlich von ihr abverlangte. Ich verschloss mich vollkommen, denn ich fühlte mich schuldig und schäbig. Es war beinahe nicht zu ertragen ihren Schmerz so hautnah zu fühlen, der eigentlich allein mein eigener sein sollte. 45,2 kg.

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