Dienstag in der Uniklinik

Pünktlich um 9.00 Uhr traf ich in der Uniklinik ein und erkundigte mich beim Empfang nach Mark, da er nicht wie vereinbart bereits auf mich dort wartete. Noch während die Dame überlegte, tauchte er auf und entschuldigte sich für die Verspätung. Er versuchte mich mit seiner guten Laune und einer Krankenhausanekdote aufzulockern, doch mir war nicht danach. Stumm folgte ich ihm auf die Innere Station und in ein Behandlungszimmer. Mark wies mich an meine Kleidung abzulegen und ich zog mich hinter einem Paravent bis auf die Boxershorts aus. Aus einer Schublade kramte er ein Blutdruckmessgerät heraus und legte mir die Manschette um den Oberarm. Ein kurzes Surren und Piepsen später, notierte Mark die Ergebnisse auf ein mir unbekanntes Klemmbrett und lächelte mich aufmunternd an. „So und nun auf die Waage, bitte.“

Wurde ja immer besser. Tonlos stieg ich rauf und wiederum vermerkte er sich mein Gewicht ohne es zu kommentieren. Ich konnte meine Jeans wieder anziehen und legte mich auf die Liege für die Blutabnahme. Er zapfte drei Röhrchen ab und gab sie draußen auf dem Gang an eine Schwester weiter.

Mark seufzte. „Was?!“, fragte ich genervt.

„Ja, das würde ich gerne von dir wissen.“

„Es ist nichts.“

„Das ist nicht wahr, das wissen wir beide.“

„Doch, es ist nichts. Es geht mir gut.“,

Meine Argumentation war grandios und klang sehr glaubwürdig. Er seufzte erneut.

„Lass dich doch jetzt nicht hängen, Mann. Du versaust dir doch das ganze Semester, wenn du bei den Klausuren nicht fit bist!“

„Wie lange dauert das?“

„Was?“

„Na die Blutuntersuchung.“

„Achso, ja, die Laborwerte werden circa in einer dreiviertel Stunde da sein.“

„Okay, wo kann ich so lange warten? Unten beim Eingang?“

„Nein. Du bleibst hier.“, bestimmte er und klebte mir noch ein Pflaster über die Einstichstelle der Nadel.

„Der Oberarzt, Dr. Clausen aus der Kardiologie wird gleich hier sein.“

Ich funkelte ihn bösartig an und wollte mich aufsetzen, doch er drückte meinen Brustkorb nach unten und stierte unentwegt freundlich zurück.

„Halt, liegen geblieben Herr Bendiksen. Ich würde gerne in der Zwischenzeit ein Ruhe-EKG machen.“ Die Hände über dem Kopf zusammen zu schlagen half nicht viel und schon klebten ein Duzend Elektroden an meinem Brustkorb.

„Das dauert keine fünf Minuten, also stell dich nicht so an.“, entgegnete er meinem Gesichtsausdruck. Ich schaute auf die kahle weiße Wand, so langsam hatte ich genug von dem ganzen Theater. Nicht, dass ich die Prozedere nicht kannte, aber dies mal war es etwas anderes. Mein ganzes Inneres setzte sich dagegen zur Wehr und ich konnte nur schwer die Ruhe bewahren. Zum Philosophieren war nun keine Zeit, der angekündigte Oberarzt betrat bereits das Behandlungszimmer und stellte sich mir vor. Nach einem festen Händedruck überflog er das ausgewertete EKG und die Notizen des Klemmbretts, das Mark ihm zusammen mit einer weiteren Akte überreicht hatte. Sie wechselten einige spezifische Fachbegriffe, begleitetet wurden diese durch Nicken und bedeutungslosen Gesten. Meine geistige Aufmerksamkeit verflüchtigte sich. Dr. Clausen ließ sich hinter dem Schreibtisch nieder.

„So, also, das Ruhe-EKG zeigte keine größeren beunruhigenden Auffälligkeiten, jedoch möchten wir sichergehen und noch ein Langzeit-EKG von 48 Stunden durchführen. Sie können währenddessen ihren üblichen Tätigkeiten nachgehen. Warum wir das machen? Die Aussagefähigkeit des Langzeit-EKG ist höher und stellt eine etwaige Herzrhythmusstörung fest. Diesen bestehenden Verdacht möchten wir ausschließen, auf Grund Ihrer Vorgeschichte und…“, er unterbrach sich und griff meinen Blick auf. „… Ihrem Gewicht von 56,0 Kilogramm. Dies entspricht einem BMI von 16,4 was eindeutig unterhalb des Grenzwertes für junge Erwachsene Ihres Alters liegt.“

Ich musste Haltung bewahren und mich möglichst unbekümmert zeigen. Ein Achselzucken von mir und eine Reihe von Fragen des Arztes. Fragen wie „Chronische Darmerkrankung?“, „Ärger in der Familie?“, „Unzufriedenheit bis tiefe Traurigkeit und Depression?“, die ich alle mit „Nein.“ und einem Kopfschütteln beantwortete. Den außergewöhnlichen Leistungsdruck im Studium bejahte ich allerdings, aus taktischen Gründen.

„Mhm… Sie wissen über die Folgen und Komplikationen von Untergewicht Bescheid? …Herr Kaiser?“

Mark gab sein Wissen kund: „Durch den Schwund des Fett- und Muskelgewebes wird der Körper geschwächt und führt zum Mangel an lebenswichtigen Nährstoffen, wie Vitaminen und Mineralstoffen, sowie zur Verlangsamung des Stoffwechsels. Des weiteren begünstigt Untergewicht die Entstehung von Osteoporose, auch bei jüngeren Menschen.“

In diesem Moment klopfte es an und die Schwester von vorhin streckte für Mark einen Zettel durch den Türspalt.

„Die Laborergebnisse!“, seine Augen streiften die Papiere und er gab sie weiter. Was mir gerade aufgezeigt wurde, stand nun fest. Die Auswertungen zeigten schwerwiegende Störungen im Elektrolythaushalt, die mir von Dr. Clausen näher erläutert wurden.

Puh, ich holte Luft und was nun? Keine Ahnung, ich war überfordert und lauschte Marks vorgetragener Literatur über die Bedeutung der Elektrolyten. Eins musste ich ihm lassen, er war ein wirklich hervorragender Praktikant.

Dr. Clausen schlug noch eine Sonografie und Bestimmung des Körperfettgehalts vor. Mark stimmte eifrig zu und war schon fast aus der Türe, als ich demonstrativ auf die Uhr sah und anmerkte, ich hätte keine Zeit, da in gut 30 Minuten meine Vorlesung beginnen würde.

„Nun gut, dann verschieben wir das auf Donnerstag. Wie wär’s mit… 11 Uhr?“

„Na schön.“

„Wunderbar. Herr Kaiser, wenn sie jetzt noch das Langzeit-EKG anlegen möchten, dann werfe ich noch einen Blick drauf.“ Er nickte mir freundlich zu. Oh Mann… ich kann sie alle nicht leiden, diese Ärzte. Mark macht da momentan keine Ausnahme. Er verrichtete seinen Job vorbildlich und kassierte noch ein Lob von Dr. Clausen, ehe dieser mit Mark aus der Tür verschwand. Ich zog mich an und noch ehe ich flüchten konnte, war Mark wieder zur Stelle und stellte einige Packungen auf dem Tisch ab. Er überflog den Rückenteil der Faltschachtel, riss sie auf und zog einen Beutel heraus. Am Waschbecken rührte er das Pulver mit Wasser an und reicht es mir in einem Glas. Ich beobachtete ihn misstrauisch.

„Was ist das?“

„Meritene, ein Aufbaupräparat.“

„Aha.“ Ich starrte das Zeug skeptisch an.

„Das trinkst du ab sofort drei mal täglich. Die erste Portion jetzt gleich.“

„Schon gut !“

Ich verließ gestresst und mit dem Festplattenspeicher um meinen Hals für das Langzeit-EKG die Klinik. Die Vorlesung versäumte ich theoretisch gesehen. Ich war zwar körperlich anwesend, aber das war auch schon alles.

An selbigen Abend klopfte es an meiner Zimmertüre und Mark trat ein. Ich fürchtete schon, er würde mich endlos zutexten, doch er hielt mir das Telefon unter die Nase. „Für dich. Es ist Hannah.“ Mein Herz schlug sogleich schneller. Hannah? Mein Gott, wie lange habe ich schon nichts mehr von ihr gehört. „Gib her!“

„Warte.“ Er zog es wieder weg und sprach in den Hörer.

„Ganz kleinen Moment noch ja.“, und zu mir gewandt flüsterte er. „Los T-Shirt aus, ich will schnell schauen, ob die Elektroden noch richtig befestigt sind.“

Ich kam also um eine Aussprache mit Mark herum, stattdessen war es an der Zeit sich mit Hannah auszusprechen. Wir hatten uns so viel zu sagen. Ich war wirklich erstaunt, als mir bewusst wurde, wie sehr ich sie vermisst hatte. Ich erzählte ihr alles. Mit ihr konnte ich reden.


Eine Antwort to “Dienstag in der Uniklinik”

  1. Mh… ich wünschte, ich hätte früher angerufen… :-/

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